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Das Visibility-Paradox

Das Visibility-Paradox

11. Februar 2021

Der Heilige Gral

Als Konsumenten sind wir es gewohnt, online zu shoppen, noch vor dem Check-out zu wissen, wann die Ware ankommt und dann per Sendungsverfolgung zu jedem Zeitpunkt bequem nachzuvollziehen, wo unsere Ware ist und wann sie ankommt.

In der Abwicklung globaler Logistikprozesse über viele Akteure und Unternehmensgrenzen hinweg entlang internationaler Lieferketten sieht die Situation leider ganz anders aus. Wer als Unternehmen schon mal ein paar Container mit Ware aus Übersee bestellt hat, weiß, dass das auch heute noch für die meisten Beteiligten eine Black Box ist.

Deshalb reden so viele über die Wichtigkeit von Supply Chain Visibility. Es ist quasi der Heilige Gral der Logistikwelt: jeder spricht davon, jeder sucht danach, und doch bleibt das Erreichen dieses Ziels ein frommer Wunsch.

Ein Kind der 80er-Jahre

Wir sprechen hier also über Supply Chain Visibility. Und die steht in ganz engem Zusammenhang mit Supply Chain Management. Deshalb müssen wir erstmal verstehen, worum es dabei geht. Und das ist schon schwer genug, wie sich gleich zeigen wird.

link in the supply chain

Vereinfacht gesagt basiert der Kerngedanke der “Supply Chain” auf der Idee, dass ein Unternehmen nur ein einzelnes Glied einer längeren Kette an Wertschöpfungsstufen ist. Und Supply Chain Management ist demnach die Koordination aller innerbetrieblichen und eben auch unternehmensübergreifenden Geschäftsprozesse, schwerpunktmäßig vor allem logistischer Prozesse.

Aber bei der Definition geht das Dilemma schon los. Fragt man Wikipedia, so erfährt man, dass zahllose Definitionen des Begriffs Supply Chain Management existieren, von denen sich bislang keine endgültig durchsetzen konnte. Und so ist es auch. Gefühlt gibt es vermutlich weltweit kein einziges Logistik-Unternehmen von Rang, dass nicht mit einer eigenen Definition dieses Begriffs aufwartet.

Leichter ist es da schon mit dem Ursprung dieses Begriffs. Während es die Aktivität des Lieferketten-Managements vermutlich schon seit der Entstehung arbeitsteiliger Prozess in der Jungsteinzeit gibt, wurde der Begriff Supply Chain Management erst in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts geprägt. Selbstverständlich von amerikanischen Strategie-Beratern – wie soll es auch anders sein. Richtig populär geworden ist das Konzept dann in den 90er Jahren – und seit der Jahrtausendwende schließlich in aller Munde.

Geboren aber wurde das Konzept in den 1980er Jahren, also in einer Zeit, in der nahezu alle Management-Theorien und Unternehmensführungskonzepte auf Konzerne und Großunternehmen bezogen. So auch das Supply Chain Management-Konzept, dass vor allem die tief verästelten Zuliefererketten der Automobilindustrie mit den damals nahezu allmächtigen OEM’s als Dreh- und Angelpunkt im Auge hatte. Wer zur besseren Vorstellung dieser Strukturen ein griffiges Bild benötigt, braucht sich nur kurz mit dem beruflichen Lebenswerk des damaligen VW-Einkaufschefs Ignacio López beschäftigen, der seinerzeit auch der „Würger von Wolfsburg“ genannt wurde, und dessen Wirken bis heute großen Einfluss auf die gesamte Automobilindustrie hat.

Die großen Fahrzeughersteller wie General Motors oder VW waren also archetypische Referenzobjekte, als das Konzept des Supply Chain Management entstanden ist. Genau in dieser Tradition stehen auch die Konzepte und Methoden der Supply Chain Visibility, und das ist ganz überwiegend auch heute noch gut erkennbar an den Methoden und Herangehensweisen, wie Supply Chain Visibility erreicht werden soll.

Wo ist mein Zeug?

Wenn also die Supply Chain eine Verkettung vieler Wertschöpfungsstufen in Form von unterschiedlichen Unternehmen und Einzelakteuren ist, von denen jeder einen Teil der Lieferkette bearbeitet und überblickt, dann ist der Kerngedanke hinter allen Supply Chain Visibility-Konzepten, die verschiedenen Perspektiven zusammenzuführen und Transparenz und eine Gesamtsicht auf die gesamte Lieferkette zu ermöglichen.

where is my stuff

Die Perspektive dieser Gesamtsicht ist freilich die des Kunden als Zielpunkt der Wertschöpfungsprozesse. Ziel ist es, dessen Informationsbedarf zu stillen, also Fragen beantworten zu können, wie: „Wo ist meine Ware?“, „Wann kommt meine Lieferung an?“, in elaborierterer Form auch die Frage: „Welche Kapazitäten und Warenverfügbarkeiten stehen mir auf welcher Wertschöpfungsstufe zur Verfügung?“ Letztere ist so eine typische OEM-Frage, welcher der Wunsch nach vollständiger Kontrolle der gesamten Lieferkette bis ins letzte Glied zugrunde liegt.

Das Visibility-Paradox

visibility paradox

Und genau da kommt das Visibility-Paradox ins Spiel. Das Paradox besteht darin, dass unzählige Akteure für sich in Anspruch nehmen, Supply Chain Visibility zu „besitzen“ oder diese anderen verfügbar machen zu können. Gleichzeitig aber wird das Thema unter Fachleuten als größte Herausforderung angesehen, weil es eben weitgehend noch nicht gelöst zu sein scheint.

Diese Diskrepanz ist ernstzunehmen und persistent. Das zeigt sich an folgendem Beispiel.

Ein gewisser Vernon Francis von der University of Dallas hat dazu eine wissenschaftliche Studie verfasst mit dem Titel: „Supply Chain Visibility. Lost in Translation?“. Seine Erkenntnisse und Schlussfolgerungen kann man etwa in den folgenden drei Punkten zusammenfassen:

  • Er stellt zunächst fest: „Das Thema Supply Chain Visibility ist allgegenwärtig.“
  • Mr Francis schildert sodann aus seiner Arbeit, dass eine kürzlich durchgeführte Internetsuche zum Begriff Supply Chain Visibility über 348.000 Einträge hervorbrachte. Eine flüchtige Durchsicht ergab, dass die meisten Links zu Software-Anbietern und Logistikdienstleistern führt, die behaupten, Supply Chain Visibility zu haben oder diese anbieten.
  • Und schließlich stellte er fest: Gleichzeitig bleibt das Erreichen von Supply Chain Visibility ein Problem und unter Supply Chain Management-Fachleuten eines der wichtigsten Herausforderungen. Kurzum: es bleibt ungelöst. Und folglich stellt auch Vernon Francis die Frage: „Wie kommt es zu dieser Diskrepanz?“

Die Relevanz und Persistenz dieser Diskrepanz zeigt sich daran, dass die vorgenannte Studie im Jahr 2007 durchgeführt wurde, also vor rund 14 Jahren, und sich bis heute kaum etwas geändert hat. Auch heute noch ist das Thema in aller Munde. Und wenn man den Fachleuten und Studien (Gartner etc.) Glauben schenken darf, gilt Supply Chain Visibility auch heute noch zu den Top-Herausforderungen. Die einzige nennenswerte Veränderung zu 2007 ist, dass man heute bei der Suche nach dem Begriff nicht mehr nur rund 350.000 Einträge erhält, sondern stattdessen ca. 80 Millionen.

Es geht nicht um Vernetzung von Daten …

Es bleibt also schwierig mit dem Wunsch nach Kontrolle der Lieferkette.

Viele Unternehmen verfügen zwar heute über strukturierte Supply-Chain-Tools, die Transparenz über ihre unmittelbaren Lieferanten liefern. Tatsächlich bleibt aber auch das schon schwierig, da die Lieferkettendaten über mehrere Systeme, Standorte und Abteilungen verteilt sind. Zweifellos ist es eine noch viel größere Herausforderung, die Sichtbarkeit über mehrere Ebenen hinaus zu erreichen. Das gelingt selten und dann auch nur kurzfristig und mit überdurchschnittlichem Aufwand, weil sich Lieferprozesse und Strukturen einfach zu schnell ändern und starre Datenintegrationen damit zu schnell veralten.

Das zeigt, dass die üblichen Methoden, um Supply Chain Visibility zu erreichen, nicht zielführend sind. Wir werden die Herausforderung mit einem Mehr an Datenintegration und Electronic Logging Devices nicht lösen.

Stattdessen müssen wir einige Dogmen über den Haufen werfen, die die bisherigen Herangehensweisen zur Lösung des Problems bis heute maßgeblich prägen. Das ist zum einen die Vorstellung, dass es schon ein vollständiges Bild der Lieferkette ergibt, wenn man nur alle verfügbaren Informationen und Daten aus den IT-Systemen und Logging-Devices aller Akteure entlang der Supply Chain zusammenwirft.

Das zweite Dogma ist dasjenige der vollständigen Automation. Fast alle Lösungsversuche verfolgen den Weg, Supply Chain Visibility durch ein immer größeres Maß an Automatisierung und den möglichst vollständigen Ausschluss manueller Aktivitäten der an diesem Prozess beteiligten Personen zu ermöglichen.

… es geht um die Vernetzung von Menschen

Es liegt eigentlich auf der Hand, dass das so nicht funktionieren kann. Vor allem nicht in einer Welt mit sich schnell verändernden Rahmenbedingungen.

Schließlich sind es immer noch Menschen, die in den Lieferketten zusammenarbeiten. Menschen aus den unterschiedlichsten Kontexten, Menschen aus allen Weltregionen, Menschen, die in verschiedenen Unternehmen arbeiten und somit auch unterschiedlichen Organisationsstrukturen zu folgen haben. Und diese Menschen sind es, die tagtäglich Entscheidungen treffen, die Relevanz für die Prozesse entlang der Lieferketten haben.

Wir müssen diese Menschen befähigen, miteinander zu kommunizieren, Informationen möglichst leicht und intuitiv miteinander auszutauschen und jedem denkbaren Akteur in der Lieferkette niederschwelligen Zugang zu ermöglichen, dies tun zu können, unabhängig davon, ob es langjährige feste Lieferbeziehungen gibt, oder man erstmals mit einem Partner entlang der Lieferkette kommuniziert. Nur auf diesem Weg werden wir Supply Chain Visibility in einer Form erreichen, die allen Beteiligten hilft, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und die -noch so ein Schlagwort- resilient genug ist, auch bei sich ändernden Rahmenbedingungen und disruptiven Veränderungen wie beispielsweise der aktuellen Corona-Pandemie zuverlässig Ergebnisse liefert.

Wir bei limbiq.com arbeiten an Lösungen zur Überwindung des Visibility-Paradoxons. Wir freuen uns über euer Feedback und eure Meinung dazu. Vielleicht bei einem unserer Webinare zu diesem Thema.

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